„The Ending“ | Buchbesprechung

Du wirst dich fürchten.
Und du wirst nicht wissen, warum.

 

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The Ending von Iain Reid, aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer

Heute erscheint The Ending, das Romandebut des kanadischen Schriftstellers Iain Reid. Beworben wird der Thriller als „raffiniertes, stilistisch brillantes Psychodrama für Liebhaber von Stephen King und Alfred Hitchcock“. Und nachdem ich rechtzeitig zu Halloween gerade The Shining von Stephen King gelesen hatte, scheint Iain Reids Psychothriller perfekt in meinen Leseplan zu passen.

★ ★ ★ ☆ ☆

Worum geht es?

Ein Wintertag. Ein junges Paar ist auf den weiten, einsamen kanadischen Straßen unterwegs, um seine Eltern zu besuchen. Was er allerdings nicht weiß: Sie trägt sich mit dem Gedanken, die Beziehung zu beenden, obwohl sie ihn zu lieben scheint, und sie sich gerade einmal sechs, vielleicht acht Wochen kennen. Draußen ist es dunkel und kalt. Sie hören Radio, sprechen über dies und das. Seit ein paar Wochen wird sie immer wieder von einem mysteriösen Anrufer angerufen. Doch ihm erzählt sie nichts davon. Stattdessen philosophieren sie über die Rolle von Erinnerungen und den Sinn des Lebens. So können sie stundenlang miteinander reden und sind sich vertraut. Und doch scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Und so entfalten sich im Verlauf des Abends Ereignisse, die schließlich in einem erschreckenden Finale gipfeln.

Unheimliches Psychodrama mit einigen Längen

Der englische Originaltitel lautet „I’m Thinking of Ending Things“ und mir ist nicht ganz klar, warum dieser nicht auch für die deutsche Ausgabe verwendet wurde. Der Unterschied beider Titel kann marginal sein, meiner Meinung nach passt jedoch der englische Titel nicht nur viel besser zum Geschichtsverlauf, sondern verhalf mir zum Ende des Buches hin auch zu meinem finalen Aha-Erlebnis.

Aufgrund des Klappentextes und der Kategorisierung als Psychothriller hatte ich andere Erwartungen an den Plot. The Ending ist definitiv eine psychologische Gruselgeschichte – wer jedoch einen klassischen Psychothriller erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Vielleicht ist das auch der Grund für die recht vielen mäßigen Reviews. Denn statt einer Kriminalgeschichte handelt es sich vielmehr um ein psychologisches Drama, welches die Abgründe menschlicher Existenz ergründet. Und als solches hält das Buch auf jeden Fall eine spannende Geschichte bereit.

„Ich gebe ja zu, meine Geschichte ist kein Thriller.“ (S. 193/4)

Erzählt wird aus der Perspektive von Jakes Freundin, einer jungen Frau, die das erste Mal seine Eltern und das Haus seiner Kindheit kennenlernen soll. Doch erzählt sie die Wahrheit, oder lediglich ihre eigene Geschichte, ihre Sicht der Dinge? Ob man ihren Schilderungen trauen kann, bleibt lange Zeit offen – wie es Ich-Erzähler häufig an sich haben. Kapitel gibt es keine. Ihr Berichten wird lediglich von einem, kursiv abgehobenen Gespräch zweier Personen über einen Todesfall unterbrochen. Inwieweit diese beiden Erzählstränge miteinander verbunden sind, wird erst ganz zum Schluss deutlich. Das Ende kann mit einer Wendung aufwarten, die sich von Beginn an immer wieder angedeutet aber nie gänzlich verraten hat. Dadurch hat man während des Lesens genug Raum zum Spekulieren, und gleichzeitig erwischt einen das Ende nicht unvorbereitet.

Das erste Drittel des Buches gestaltet sich leider recht zäh. Und so hatte ich zunächst trotz des eingängigen Schreibstils Schwierigkeiten, in die Geschichte einzutauchen. Wie der Klappentext verrät, ist ein junges Paar auf dunklen, einsamen kanadischen Landstraßen unterwegs. Sie führen semi-philosophische Gespräche über Gott und die Welt, über den Sinn des Lebens, über Ängste, über Erinnerungen und die Grenzen von Realität und Fiktion. Diese Gesprächsfetzen sind durchaus interessant und kurzweilig zu lesen. Dennoch braucht das Buch einige Zeit, um Fahrt aufzunehmen. Und so war es mir, abgesehen vom Hinweis im Klappentext, lange nicht klar, dass das Paar wohl „unaufhaltsam in die Katastrophe“ steuert. Vielmehr plänkelte das Geschehen bis etwa Seite 80 recht unaufgeregt dahin. Erst nach der Ankunft auf der Farm von Jakes Eltern hatte ich das Gefühl, dass sich das Erzähltempo ändert und potentielles Grauen am Horizont auftaucht.

Weite Teile des Buches, vor allem den Mittelteil, fand ich unheimlich und geradezu verstörend. Was einerseits sicherlich ein Zeichen dafür ist, dass Iain Reid definitiv die Fähigkeit hat, den Leser zu fesseln und in eine fremde Welt zu entführen. Andererseits war ich das ein oder andere Mal kurz davor, das Buch zuzuklappen – aber vielleicht bin ich auch etwas überempfindlich, wenn es um Nägel kauen und Haare ausreißen geht…

Mir fällt spontan kein Buch ein, welches The Ending ähnelt. Und dabei handelt es sich ja prinzipiell um einen Faktor, der für ein Buch spricht – vor allem im Thriller-/Psychothriller-Genre, was zu Redundanz und Ähnlichkeit neigt. (Dass es sich beim Roman meiner Ansicht nach nicht um einen Thriller handelt, hatte ich ja bereits erwähnt.) Die Idee des Romans gefällt mir gut; die Beschreibungen aus der Perspektive einer Frau, von welcher der Leser nicht einmal den Namen kennt, ist spannend und trägt zum Unbehagen bei. Die düstere winterliche Umgebung eignet sich natürlich ideal für Gruselgeschichten. Und mit stärker werdendem Schneefall kommt freilich das Risiko, mit dem Auto nicht weiterfahren zu können – ein klassisches Motive, das verlässlich  Spannung erzeugt. Dennoch hatte ich stellenweise das Gefühl, dass die Geschichte konstruiert wirkt und einzelne Episoden ausschließlich wegen des Gruselns und nicht wegen des Handlungsverlaufes eingefügt wurden.

Da das Buch mit 240 Seiten nicht allzu lang ist und die Handlung an einem einzigen Winterabend stattfindet, kann man The Ending durchaus an einem Abend lesen und auf diese Weise das Geschehen quasi in Echtzeit verfolgen. Die klassische Dreiteilung funktioniert für die Entwicklung des Romans sehr gut. Und trotz einiger Längen war ich neugierig und wollte wissen, wie die Geschichte aufgelöst wird. Allerdings habe ich das Gefühl, dass der durch Klappentext und überschwängliche Zeitungskritiken generierte Hype beim Leser Erwartungen erzeugt, denen Iain Reids Roman leider nicht gerecht werden kann. Natürlich lassen sich speziell zum Ende hin geradezu kingeske (Kafkaesk kann ja nicht das einzige Adjektiv dieser Art sein, oder?!) Motive entdecken – jedoch wird ein Buch deshalb noch zu keinem neuen Stephen King. Dazu fehlte es meiner Meinung nach besonders den Charakteren an Tiefe und der Geschichte an einer Gruselatmosphäre, die einem die ganze Zeit die Nackenhaare aufstellt. Ich hätte mir gewünscht, dass sich Iain Reid mehr Zeit genommen hätte, Entwicklungen vorzubereiten und Handlungsverläufe zu entspinnen. Aber vermutlich ist es schlichtweg unfair, dieses Romandebut an solchen Maßstäben messen zu wollen. Denn jenseits all dieser Erwartungen verbirgt sich hinter The Ending ein spannendes und ungewöhnliches Psychodrama, welches sich trotz einiger Schwächen als atmosphärisches Leseabenteuer an dunklen Herbst- oder Winterabenden eignet.

★ ★ ★ ☆ ☆

The Ending by Iain Reid Rezension

Das Buch wurde mir zur Rezension freundlicherweise von Droemer Knaur und Vorablesen zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

Produktinformationen

  • 240 Seiten (Broschiert)
  • Verlag: Droemer Taschenbuch
  • Erscheinungsdatum: 02.11.2017
  • ISBN: 978-3-426-30619-2
  • Preis: 14,99 €

 

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